Die Lokalbahn

Von Dhaka aus bin ich zu Elisabeth, einer anderen Freiwillige nach Saidpur gefahren. Ich bin ein paar Tage bei ihr geblieben und habe mir das Menschenrechtsprojekt von Research Initiatives Bangladesh angesehen, in dem sie arbeitet. Weil die Securityrichtlinie momentan sehr streng ist, durfte  ich nicht alleine von Saidpur nach Joypurhat reisen. Mein Freund und Kollege Dulal hat mich abgeholt und wir sind mit dem local train nach Hause gefahren. Das war ein so einmaliges Erlebnis, dass ich jetzt hier davon schreiben will.


Ich wache vom Klingeln meines Handys auf, um halb 7. In Dhaka habe ich mir angewöhnt auszuschlafen, ich bin noch gar nicht bereit für die Welt. Schlaftrunken und brummig nehme ich ab. Wer stört mich so früh am morgen? Es ist Dulal, der mir fröhlich mitteilt, dass er in einer Stunde in Saidpur ankommt.  Huh, kaum auf dem Land angekommen, bin ich wieder zurück in der Welt der Missverständnisse und spontanen Planänderungen. Gestern habe ich bestimmt fünf mal mit Dulal telefoniert, um zu besprechen welchen Zug wir nehmen werden. Wir sind uns, so weit ich verstanden habe, einig geworden, dass er um 3 p.m. in Saidpur ankommt und wir um 5 p.m. zusammen losfahren. Um 5 p.m. fährt der einzige government train nach Joypurhat.  Dulal hat aber alles anders gedeutet und ist um 5 a.m. in aller Herrgottsfrühe in den Zug nach Saidpur gestiegen.


Ich packe also schnell meine Taschen, putze Zähne und scheuche Elisabeth auf. Zusammen klopfen wir die Hausbesitzerfamilie von Elisabeth´s Wohnhaus aus dem Schlaf, damit sie uns die Hoftür aufschließen. Dann nehmen wir eine Vanriksha zum Bahnhof.


Dulal wartet schon als wir um halb acht ankommen. Wie freue ich mich ihn nach vier Monaten wieder zu sehen, ich begreife erst dann, wie sehr ich ihn vermisst habe. Meinen riesengroßen, schweren Rucksack darf ich in dem Hinterzimmer des Bahnhofsvorstehers abstellen. Ein reiner Ausländer-Bonus, denn der Bahnhofsvorsteher ist ein finsterer Mann mit rotgefärbtem Bart, der kaum aufsieht, wenn man ihn anspricht. Er sitzt an einem schweren, breiten, uraltem Tisch, der aus der Zeit stammen könnte, als die Briten den Bahnhof in Saidpur aufbauten. Auf dem Tisch stehen drei fast genauso alte Telefone, mit Drehscheiben zum Wählen und zwei dicke Bücher. Das alles macht zusammen mit dem ernstem Mann einen sehr gewichtigen Eindruck.


Vor lauter Schreck gehen wir erst einmal in Elisabeths Stammrestaurant in Saidpur frühstücken, Ruti (flache Teigfladen, ein bisschen wie Pita),scharfes Gemüse und Ei. Gestärkt machen wir uns dann wieder auf zum Bahnhof, denn bis um 5 p.m. wollen wir nicht in Saidpur warten. Die Stadt hat zwar viele schöne alte Gebäude aus Kolonialzeiten und die größte Eisenbahnwerkstatt Bangladeschs, aber die Leute hier sind einfach nicht so nett wie in Joypurhat. Zu unserem Glück fährt um 9 Uhr eine Lokalbahn ab, die auch in Joypurhat hält. Die Lokalbahn wird nicht von der Regierung unterhaltne sondern von einem privaten Unternehmen. Der Bahnhof von Saidpur ist ein hoher, neues Gebäude, das mit seinem frischen, hellen Anstrich Modernität und Reichtum ausstrahlt. Neben dem Bahnhofsgebäude steht eine kleine, verbeulte Hütte aus Wellblech. Das ist der Kartenschalter der Lokalbahn, zurzeit unbesetzt und der Anblick der verschiedenen Schalter sagt schon alles aus über die Unterschiede der Züge.


Wir setzen uns an der Bahnsteig und warten, bis der der Kartenverkäufer kommt. Derweil strömen immer mehr Leute in den Bahnhof. Die meisten sind Männer, die auf Arbeitssuche sind. Etwas weiter südlich hat die Reisernte begonnen und die Nachfrage nach Tagelöhnern ist groß. Aber auch Geschäftsleute mit waren, Frauen in Burka (Reisen ist für Frauen mit Risiken verbunden, deswegen verschleiern sich viele für lange Wege.), Familien mit kleinen Babys und alte Männer mit Bündeln am Stock warten auf den Zug.


Es ist schon nach 9, als wir unsere Fahrkarte bekommen. Sie kostet nur 35 Taka, das ist auch für Bangladesch unglaublich preiswert. Der Zug fährt schließlich mit einer halben Stunde Verspätung ein und er strotzt nur so vor Menschen. Es ist genauso wie auf den berühmten Fotos von Bangladesch, die ihr vielleicht auch schon einmal  gesehen habt. Das Dach des Zuges ist voll besetzt, auch auf die Seitenrändern und die Waggonverbindungen haben sich Menschen gedrängt. In den Abteilen sind alle Sitze und Gänge gefüllt mit Körpern und Päckchen. Wir gehen an den ersten Abteils vorbei und drängen uns schließlich in eines hinein. Mein Rucksack ist viel zu riesig und sperrig und über all sind schon Schultern und Ellebogen und Füße, es bleibt kein Platz.

Aber die Bangladeschis haben in solchen Situationen eine bewundernswerte Geduld und Fähigkeit, die Konfliktsituation zu lösen und keiner rastet aus, regt sich auf oder schreit rum, wie das in Deutschland bei so vielen Menschen auf einem so kleinen Raum vielleicht längst passiert wäre. Stattdessen wird für mich Platz zwischen den Sitzbänken eines Abteils organisiert, wo ich mich auf meinen Rucksack setzen kann. Für die Beine und Knie der Männer links und rechts von mir ist das bestimmt nicht angenehm, aber keiner beschwert sich. Dulal muss die ganze Zugfahrt lang stehen, vor mir, um mich vor Grapschern im Gedränge abzuschirmen.  In unserem Sitzabteil, bestimmt für 6 Personen zum gemütlichem Dasitzen geplant, sind nun 12 Leute untergebracht.


Die ersten zwei Stunden im Zug sind ganz nett. Ich beantworte alle Fragen über meine Herkunft, meine Familie und meinen Aufenthalt in Bangladesch und stelle selber auch viele Fragen. Es ist spannend so viele verschiedene Leute kennenzulernen und zu beobachten, wie sie mit dem Platzmangel umgehen. 

Aber dann bleibt der Zug ohne ersichtlichen Grund eine halbe Stunde an einem kleinen Bahnhof stehen und ohne den Fahrtwind wird die Luft schnell schlechter. Ich bekomme Rückenschmerzen vom verkrampften Sitzen und das Gedränge wird auch nicht weniger.


Die Gurken- und Nussverkäufer lassen sich von all dem nicht abschrecken. Sie schieben sich durch die engen Abteile, steigen über Menschen und balancieren dabei immer einen Korb voll Essen auf ihrem Kopf. Sie verkaufen gesalzene Gurken, Erdnüsse, selbstgemachte Kartoffelchips, Süßigkeiten und Toilettenartikel für 5 oder 10 Taka an die Fahrgäste.

Auch die Transsexuellen, Hijras  genannt, betteln wie gewohnt im Gedränge. Die Männer, die sich mit Saris, Schmuck und Make-up herausputzen, haben in der bengalischen Gesellschaft eine besondere Stellung. Weil man sie für arbeitsunfähig befindet, haben sie genau wie Alte und Behinderte das legitime Anrecht auf Almosen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.


Als wir nach vier Stunden mit großer Verpätung in Joypurhat ankommen, bin ich durchgeschwitzt und vollkommen fertig mit der Welt. Der überfüllte Zug spuckt uns an dem vertrauten Bahnhof aus und ich bin so froh das Dulal bei mir ist und mir mit meinem Gepäck hilft.

Mit der Riksha fahren wir durch die alten Straßen zu dem Office in Khanjanpur, meinem Zuhause von vor vier Monaten. Es hat sich nur wenig verändert und ich bin glücklich, wieder da zu sein.

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Kommentare: 2
  • #1

    Gerdi und Thomas (Dienstag, 05 Mai 2015)

    Zugfahren ist immer ein Erlebnis, auch bei uns - aber welche Unterschiede. Schön, dass Du darüber geschrieben hast, sehr interessant. Und wer endlich zuhause ankommt, auch wenn es ein anderes oder vorübergehendes zuhause ist, dem fällt wohl immer ein Stein vom Herzen. Da sind die Unterschiede wieder gar nicht so groß.

  • #2

    Frank & Tanja (Freitag, 22 Mai 2015 17:12)

    Sehr interessant und spannend, wie eine solche Zugfahrt sein kann.....