Heimliche Hochzeiten

Die heimlichen Hochzeiten von einigen Schülerinnen, die die 5. Klasse meiner Projektschulen besuchen, haben mich sehr schockiert und traurig gemacht. Aber warum entscheiden sich die Eltern, ihre 12-jährigen Töchter zu verheiraten, wo das doch in Bangladesch genauso verboten ist, wie in Deutschland?


Arifa, 11 Jahre alt,  ist ein lustiges Mädchen, sie fällt gar nicht weiter auf in der kichernden Reihe von Schülerinnen der NFPE Schule von Dostopur, die mich bei meinem Schulbesuch mit großen Augen angucken und tuscheln, wer wohl die Besucherin ist. Arifa ist aufgeweckte Schülerin, hat mir die Lehrerin erzählt. Sie mag besonders  das Fach Bangla und ihr Schulweg ist zum Glück nicht weit. Die kleine Schule in der eine Lehrerin 30 Kinder unterrichtet liegt nur 5 Minuten von ihrem Haus entfernt.

 

Aber das Arifa noch diese Schule besucht und im Winter ihren Grundschulabschluss machen wird, ist nicht selbstverständlich.  Der Unterschied zu ihren Freundinnen ist beim Schießen des Klassenfotos kaum erkennbar, aber er könnte kaum entscheidender sein.

Seit November 2014 ist die Fünftklässlerin verheiratet. Ihre Eltern arrangierten die Ehe ihrer Tochter auf Druck der ganzen Nachbarschaft, die anfing schlecht zu reden, sobald Arifa begann immer hübscher und fraulicher zu werden. Das ist jedenfalls die Erklärung ihres Vaters, der wusste, dass in Bangladesch Heiraten erst ab 18 erlaubt ist. Die Lehrerin erfuhr von der Hochzeit, die nachts und in aller Schnelle stattgefunden hatte, erst am nächsten Morgen als Arifa weinend in die Schule kam. Aber die junge Frau traute sich nicht streng einzugreifen und die Polizei zu rufen. Zuviel Angst hatte sie vor den mächtigen Leuten im Dorf, die in diese Ehe mitverstrickt sind. Ein Mitglied des offiziellen Dorfrats, der eigentlich die Aufgabe hat, solche Kinderehen zu verhindern, soll Arifa sogar getraut haben.

 

Es ist gut das hinter der kleinen Dorfschule eine in der Region bekannte NGO steht. Meine Chefin Kerina rief sofort einige einflussreiche Leute an und legte ihnen den Fall von Arifa und dem Dorfratsmitglied, das die Grundschülerin getraut hat ans Herz. Sicherlich hatte das für den Chairman Member weitere Folgen, mit denen er nicht gerechnet hat, aber Arifa hilft das nur bedingt. Verheiratet ist verheiratet, wenn auch nicht vor dem Gesetz so doch vor Gott.

Frühehen bedeuten für viele bengalische Mädchen das Ende ihrer Schulausbildung. Sie ziehen aus ihrem Heimatdorf in das Haus ihrer Schwiegereltern und führen ihrem Ehemann den Haushalt. Arifa hat in diesem Punkt das gute Los gezogen. Sie darf bei ihrer Mutter wohnen bleiben, die Grundschule beenden und noch ein bisschen Kind sein.

 

Soviel Glück haben nicht alle. In den 60 Grundschulen von ASHRAI haben seit dem Winter noch 5 weitere Mädchen zwischen 10 und 13 geheiratet und die Schule verlassen, um mit ihrem Ehemann zu leben. Die Mitarbeiter von ASHRAI versuchen die Lehrer und Eltern von den Nachteilen von Frühehen zu überzeugen und sich anbahnende Verbindungen  abzuwenden. Aber es ist sehr schwer von den geplanten Hochzeiten zu erfahren, die heimlich und nachts gefeiert werden, oft auch wenn die Lehrerin zum Training nach Joypurhat gefahren ist. Wenn die Lehrer und Schulbetreuer schließlich von der Heirat erfahren ist es schon zu spät und das Mädchen ist abgereist ins Haus der Schwiegermutter.

 

Wenn man nach den Gründen fragt, seine Töchter so früh zu verheiraten, hört man immer wieder die selben Argumente. Das wichtigste ist der Druck der Dorfgemeinschaft, die schlecht redet und Gerüchte streut, die den Ruf des Mädchens beschädigen. Tatsächlich steigt die Gefahr, Opfer von sexuelle Belästigung und Übergriffen zu werden, je älter die Mädchen werden. Manche Familien sehen sich nicht mehr in der Lage, die Sicherheit ihrer Tochter zu gewährleisten und verheiraten sie deshalb. Man muss viel mit der Dorfgemeinschaft reden und diskutieren, um Frühehen als Lösung für solche Probleme unakzeptabel zu machen.

Einige Väter erklären auch, das ihre Tochter vielleicht jung ist, aber schon groß und schön. Jetzt ist sie begehrte Ware auf dem Heiratsmarkt und kann einen guten Ehemann mit finanzieller Absicherung bekommen. „Bengalische Männer mögen junge Ehefrauen.“, gibt mein Kollege lachend zu. Die Chance auf eine gute Versorgung ihres Kindes wollen sich die Familien nicht entgehen lassen. Die Armut ist also auch ein Faktor, der zu Frühehen beiträgt. Es ist teuer, die Tochter zu unterhalten bis sie erwachsen geworden ist.

Der letzte Grund ist die hohe Mitgift, die die Eltern der Braut mitgeben müssen. Wenn die Familie gerade gut bei Kasse ist, und sich die Summe leisten kann, dann wird die Tochter verheiratet, vor allem wenn es eine Familie mit vielen Mädchen ist. Schulausbildung, Gesetz und Willen der Tochter sind dann zweitrangig.

 

In Bangladesch sind Kinderehen ein großes Problem und mein Projektgebiet in Joypurhat ist besonders betroffen. Es wird noch viel Aufklärungsarbeit, viel Nachdenken und große gesellschaftliche Veränderungen brauchen, um Kinderehen aus der Welt zu schaffen.

 

 

Länder mit dem höchsten Anteil an Kinderehen, Bangladesch liegt auf Platz 4.
Länder mit dem höchsten Anteil an Kinderehen, Bangladesch liegt auf Platz 4.

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Kommentare: 3
  • #1

    Claudine (Montag, 04 Mai 2015 21:03)

    Quel malheur de voir ces jeunes filles si tôt mariées!
    La misère et l'obscurantisme font le lit de ces pratiques moyenâgeuses...quel travail colossal pour mettre fin à ces habitudes et laisser vivre leur vie d'enfant à ces jeunes filles! Eduquer, toujours éduquer et ne pas abandonner!

  • #2

    Gerdi und Thomas (Dienstag, 05 Mai 2015 18:03)

    Wir können es nicht begreifen, versuchen aber zu verstehen, so schwer es auch fällt. Und manchmal ist es wie überall: Gesetze sind das eine, Macht aber das andere.

  • #3

    Frank & Tanja (Freitag, 22 Mai 2015 17:22)

    Schlimm und unbegreifbar, dass den Mädchen so etwas angetan wird. Und zudem ist es verboten. Man kann nicht verstehen, dass Macht die Gesetze so brechen kann...