Kaputtgemachte Babys

Bangladeschs Bevölkerung hat sich in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt. Das kleine Land, das die bengalischen Schüler kaum auf der Weltkarte entdecken, wird eng für die vielen Menschen. Ressourcen werden knapp, Konflikte, vor allem um Land und Wasser, zahlreicher.

 

Bangladeschs Regierung hat jahrelang an einer Familienplanungspolitik gearbeitet und die Zwei-Kind Familie als Ideal propagiert. In Schulbüchern, Krankenhäusern, auf großen Werbeplakaten und sogar auf den Geldstücken. Sie waren offensichtlich erfolgreich, denn die Geburtenrate ist von 6 Kinder pro Frau im Jahr 1975  auf etwas mehr als 2 Kinder pro Frau gesunken.

 

Aber was ist die andere Seite dieses Mentalitätswechsels, der Kinder weniger als Segen und mehr als  Geld- und Arbeitsfaktor erscheinen lässt? Was ist mit all den Babys passiert, die nicht zur Welt gekommen sind?


Vorsichtig, das ist ein schwieriger Text, von dem ich nicht genau weiß, ob er hier her gehört. Ich poste ihn trotzdem, weil ich das das Thema Abtreibung in Bangladesch sehr wichtig finde.


Ich sitze in unserem Trainingscenter auf einem harten Eisenbett, auf dem die Lehrerinnen während ihrer monatlichen Fortbildungen übernachten. Nach dem Abendessen habe ich Zeit gefunden mich mit zwei von ihnen in Ruhe zu unterhalten.


Wir reden über viele verschiedene Dinge, und weil mein Bangla nach 8 Monaten schon ganz gut geworden ist und meine Gesprächspartnerinnen ziemlich helle, können wir auch neue, tiefgehendereThemen besprechen, die sonst nur selten angesprochen werden. Wie so oft dreht sich das Gespräch ums Heiraten und Kinder kriegen und ich erkläre schließlich, das Frauen in Deutschland bis zum 3. Monat ungewollte Babys abtreiben können.  Die Lehrerinnen befinden das für schrecklich, die Frauen in solchen Situationen tun ihnen sehr Leid. Ich habe noch nie von Schwangerschaftsabbrüchen gehört, solange ich hier bin. Nur das Mädchenabtreibungen lang nicht so ein großes Problem sind wie in China.

Also frage ich nach: „ Wie ist das in Bangladesch?“ Shahanaz, eine sehr intelligente Lehrerin und gläubige Muslimin schüttelt betrübt den Kopf: „Sehr schlimm.“, sagt sie, „In Bangladesch passiert es sehr oft, in vielen Familien, dass Babys kaputt gemacht werden.“ Ich bin erschrocken, auch wegen des bengalischen Wortes für Abtreibung, was man wörtlich mit kaputt machen, zerstören übersetzen kann.  Babys kaputt machen, so wie Blumenvasen oder Handys.

Ich weiß nicht wie der Islam dazu steht, aber ich hatte mir eher eine Einstellung wie in der katholischen Kirche vorgestellt.


Die dritte in unserer Runde ist Archona, eine hübsche, nachdenkliche Hindufrau, vielleicht Mitte 20. Sie beginnt ohne zu stocken und zu zögern ihre furchtbare Geschichte zu erzählen. „ Mir ist das schon drei Mal passiert. Weißt du, ich habe schon zwei Kinder. Mein Ehemann findet, das ist genug, mehr können wir uns nicht leisten. Also wurden meine anderen Kinder kaputt gemacht, als sie vielleicht schon 3, 4, 5 Monate in meinem Bauch waren. Einmal habe ich es im 3. Monat gemerkt. Dann musste ich am nächsten Morgen Medizin schlucken und am Abend bekam ich furchtbare Schmerzen und Krämpfe und verlor das Baby. Es hat sehr wehgetan. Die beiden anderen Male war es schon zu spät für die Medizin und ich musste ins Krankenhaus. Das ist noch schlimmer. Sie drücken auf den Bauch und der Arzt holt das Baby mit einem langen Gerät, wie eine Zange, aus dem Bauch. Das blutet furchtbar und die Schmerzen bleiben lange. Ich habe mich danach schlecht und schwach gefühlt, aber mein Ehemann hat es so entschieden. Ich bin nicht die einzige, der das passiert.“


Ich will weinen, als ich das höre, über die Babys, die schon so groß ware im Bauch und wegen Geldkalkül und zu Kopf gestiegener Familienpolitik kaputtgemacht worden sind. Ich bin verzweifelt über was dieser Frau angetan wurde, was sie erträgt.


Shahanaz schaltet sich ein. Sie ist eine Frau, die ich sehr bewundere, weil sie so klug ist, so eine gut Lehrerin und weil sie ihre schweren Alltag mit Mut angeht. Sie hat drei Kinder und ihr Ehemann starb, als der jüngste Sohn noch ganz klein war. Nun versorgt sie die Familie mit ihrer unterbezahlten Arbeit in der Schule. „Ich war auch einmal in der Situation.“, erzählt sie, „ Ich war zum dritten Mal schwanger und mein Ehemann wollte das Kind nicht. Nicht mehr als zwei, sagte er und brachte mich zum Arzt. Aber ich wollte das Baby nicht kaputt machen, ich fand das falsch. Ich weinte bitterlich und war ganz aufgelöst. Der Arzt sah mich an und sagte:`Allah hat dir ein Kind geschenkt und du willst es behalten. So soll es auch bleiben.` Damit überzeugte er meinen Ehemann. Ich bin so froh meinen Sohn geboren zu haben. Er ist vielleicht mein bestes Kind, ich habe so viel Freude an ihm.“ 

Ich kenne den Jungen, ich kann mich sehr gut an ihn erinnern, denn ich habe selten einen 10-jährigen mit so einer schnellen Auffassungsgabe kennengelernt.  Der Gedanke, dass er fast abgetrieben wurde, tut weh.


Archona sagt: „ Ich denke auch oft darüber nach, wie die drei kaputten Babys wohl geworden wären. Ich hätte sie so gerne gesehen. Mein zweites Kind, mein Sohn, ist auch gegen den Willen meines Mannes geboren worden. Ich habe in der Schwangerschaft die Abtreibungspillen geschluckt, oft, aber es hat nichts geholfen. Schließlich hat meine Schwiegermutter gesagt, dass ich das Kind bekommen soll und keine Medizin mehr nehmen soll, damit das Gehirn des Babys keinen Schaden nimmt. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, aber mein kleiner Sohn ist perfekt. Er ist sogar ein sehr hübsches Kind, mit ganz heller Haut. Ich war so glücklich über ihn und seit seiner Geburt frage ich mich oft, wie wohl die anderen Kinder ausgesehen hätten.“


Das ist Shahanaz´Sohn, der zur Welt kommen konnte, weil seine Mama so einen starken Willen hatte.
Das ist Shahanaz´Sohn, der zur Welt kommen konnte, weil seine Mama so einen starken Willen hatte.

Es gibt noch so viele Fragen.

Einige habe ich mir nicht getraut zu stellen. Wie ist das mit Verhütung? Warum lässt sich der Ehemann nicht sterilisieren?

 

Andere Fragen helfen nicht weiter, um zu verstehen. Wieviel kostet eine Abtreibung? Nicht zu viel, sagt Archona, 500 Taka, ein Betrag, der für arme Familien beträchtlich aber auftreibbar ist. Ist so eine späte Abtreibung nicht gefährlich? Ja natürlich, bestätigt sie, viele sterben an den Blutungen.

 

Und schließlich: Warum dürfen die Männer alleine so eine Entscheidung über den Körper der Frau, über Leben und Tod treffen? Warum müssen die Frauen alleine, ohne zu wiedersprechen, die Schmerzen physisch und seelisch tragen? Nicht alle von ihnen sind so stark wie Shahanaz, viele geben nach und leiden wie Archona.  



Es ist wichtig, dass ihr im beim Lesen dieses Textes im Kopf behaltet, das ich keine Fakten weiß über Abtreibung in Bangladesch, kein Hintergrundwissen für euch habe.

Das ist die Wiedergabe eines Gesprächs, was mich sehr berührt hat und mir nicht aus dem Kopf geht. Es ist meine Wahrnehmung und die Wahrnehmung der Frauen, die die Geschichten erzählt haben.

Es sind sehr persönliche und harte Geschichten, aber ich finde es wichtig, gerade diese zu erzählen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Claudine (Donnerstag, 14 Mai 2015 10:11)

    Ce sont des témoignages terribles et des questionnements que tu nous postes là!

    Quelle place pour la contraception (cela passe aussi par l'éducation des jeunes gens!!!), le droit des femmes à décider et disposer de leur propre corps, le rôle et le pouvoir des hommes dans cette société si différente de nos modèles européens...

    Il faut aussi se souvenir que nos grands mères européennes ont du vivre des choses similaires au début du vingtième siècle.
    Les combats féministes ont permis de grandes avancées...même si on sait que les choses ne sont toujours pas si simples, en France, et que la contraception et le droit à l'avortement sont remis en cause régulièrement par certains groupes idéologiques intégristes.
    Chercher l'humanité et éduquer ....

  • #2

    Frank & Tanja (Freitag, 22 Mai 2015 18:31)

    Auch mir standen die Tränen in den Augen, als ich diese Geschichten gelesen habe. Wie ungerecht ist das den Frauen gegenüber, die ja vom ersten Moment der Schwangerschaft schon eine Bindung aufbauen. Wie sollen sie das seelisch verkraften ein Kind so weggenommen zu kriegen. Ist das nicht egoistisch gedacht von deren Männern.....

  • #3

    Gerdi und Thomas (Montag, 25 Mai 2015 13:29)

    Wir glauben, es ist wichtig, dass Du das aufgeschrieben hast, weil es die Sorgen und Nöte der Frauen direkt beschreibt, ohne dass die Beschreibung durch hintergründiges Wissen beeinflusst wird. Es ist die Armut und die Macht der männlich dominierten Gesellschaft/Religion, die - genauso wie in Europa noch vor Jahren - zu solchem ohnmächtigen Handeln zwingt. Man kann es auch in zahlreichen deutschen Büchern lesen - nicht Sachbücher, sondern Romane. Respekt vor den Frauen, die sich widersetzen.