Auf Boote warten

 Im Mai habe ich Quirin, der genau wie ich NETZ-Freiwilliger ist, in seinem Projektgebiet in Kurigram besucht. Ganz früh am Morgen bin ich mit dem Bus angekommen, und schon bei Fahrt durch das verschlafene Städtchen Ulipur habe ich gespürt, das dort, hinter dem großen Fluss Teesta, eine andere Welt liegt.

In Ulipur gibt es alles, was man so im Alltag braucht, aber auch nichts mehr. Die Restaurants sind enge Tinshed Häuser, in denen es genau eine Stunde lang am Morgen frische Porota und Dal, also ein warmes Frühstück gibt.

Die Menschen sprechen ein hartes Bangla, ähnlich meinem deutschen Akzent und sie kamen mir im Vorbeilaufen viel ärmer und abgehärteter vor als in Joypurhat. Man sieht wenige der Wohlstands-Speck-Stadt-Gesichter, die mich in Dhaka in ihrer Überzahl so angewidert haben.


Kurigram ist der ärmste Teil Bangladeschs, in dem beinahe zwei Drittel der Menschen unter der offiziellen Armutsgrenze leben. Es gibt in etwa 2 Millionen Einwohner, so viele wie in Thüringen, auf einem Achtel der Fläche des Bundeslands. Der Distrikt liegt ganz im Norden und grenzt an Indien.


Kurigram ist bessonders anfällig für Naturkatastrophen aufgrund seiner Lage zwischen den beiden großen Flüssen Brahmaputra und Teesta, die vom Himalaya her kommen und durch die im Sommer alles Schmelzwasser des Gebirges zusammen mit den Monsoonregenfällen ins Meer fließt. Diese gewaltigen Wassermassen, die innerhalb von kurzer Zeit Kurigram durchqueren, verursachen oft katastrophale Fluten und verändern die Landschaft kontinuierlich. Viele Menschen müssen  umziehen oder verlieren ihr Ackerland an den Fluss. In Kurigram ist der Sommer extrem heiß und der Winter extrem kalt, so kalt, dass man sein Bett kaum verlassen kann. Dazu kommen im Frühling heftige Stürme, die manchmal auch Schulen und Moscheen zerstören. (wie auf dem Bild oben). In der trockenen Zeit dagegen hält Indien das Wasser in den Flüssen zurück und der Teesta und der Brahmaputra verwandeln sich in Rinnsale, mit denen sich schwer Landwirtschaft aufbauen lässt.

 

 Quirin arbeitet bei der kleinen Organisation MJSKS, die mit der Unterstützung von NETZ Grundschulen in der Dörfern und auf den Schwemmlandinseln der großen Flüsse aufgebaut hat. Mit Quirins Kollegin Shopna Apa machen wir uns mit dem Fahrrad auf den Weg zu einer der Char-Inseln um die Schulen zu besuchen. Wir fahren über unbefestigte Sandwege, die erhöht liegen für den Fall der Flut, aber im Mai hat der Monsoon noch nicht begonnen. Wir stellen die Fahrräder bei einer Schule auf dem Festland unter. Der Raum, ganz aus Wellblech gezimmert, ist kahl, es hängen kaum die üblichen Lernplakate an den Wänden. Der Lehrer erklärt, dass die Schule in den letzten 2 Jahren schon 3 Mal umziehen musste, weil der Fluss immer näher gekommen ist. Nach einem Umzug kommt mnchmal die Hälfte der Schüler nicht wieder, weil ihr neues Haus zu weit weg ist. Das ist sehr schwierig für den Lehrer.


Um zu der Charinsel zu gelangen steigen wir auf ein großes, motorgetriebenes Holzboot, das zu dem Livelihoodprojekt von Quirins NGO gehört. Einige Menschen, 5 Motorräder, 2 Fahrräder und eine Ziege überqueren den Fluss mit uns. Dann laufen wir quer über die flache, sandige Insel, auf der  Häusergruppen verstreut liegen zwischen Juteplantagen, Chili- und Erdnussfeldern.

Die Schüler sind gerade in der 4. Klasse. Sie sind fröhlich und aufgeweckt und kommen mir auch wesentlich frecher vor, als die Kinder in Joypurhat. Wenn wir in die Schule kommen, steht keiner stramm und ruft "Good Morning, Madam!". Auf der Insel gibt es neben den vielen NGO Schulen auch zwei Regierungsgrundschulen. Doch die Lehrer kommen selten, so beschwerlich ist der Weg zu der Schwemmlandinsel, auf der es unglaublich friedlich ist, weil das einzige Verkehrsmittel Fahrräder sind. Nur ab und zu durchbricht der Lärm eines NGO-Motorrads die Ruhe.

Wegen der schlechten Qualität der Regierungsgrundschulen sind die Eltern der Schüler froh über die NETZ Grundschule. Aber nach der 5. Klasse müssen die Kinder aufs Festland fahren um weiter zu lernen. Da hat Glück, wer eine Tante oder einen Onkel hat, die am anderen Ufer des Flusses leben. Sonst werden sie jeden Tag viel Zeit damit verbringen, auf Boote zu warten.

Wir essen Mittag in einem kleinen Restaurant, dass den Eltern eines Schülers gehört und dann laufen wir zurück, vorbei an ausgemergelten Kühen und Großmüttern, die keine Bluse unter dem Sari tragen. Auf den flachen Feldern spielen Jungen Cricket, fast alle von ihnen tragen den traditionellen Lungi.

Unseren Weg kreuzt auch ein kleiner Flussarm, der erst seit kurzem wieder Wasser führt. Dort waschen die Frauen Wäsche und baden mit allen Klamotten. Eine Schar lachende Kinder tobt im Wasser, rohe Erdnüsse am Strunk kauend, und ich möchte am liebsten wieder klein sein und auch mit hinein springen.

Unser Tag endet, wie viele Field Visits in Kurigram enden. Wir warten am Ufer des weiten, stömenden Flusses auf ein Boot. Wir setzen uns in den Schatten des einzigen Busches, neben zwei alte, magere Männer mit weißem Bart. In ihre Haut haben sich Wasser, Wind und Sonne eingegraben. 30 Minuten vergehen. Eine Stunde vergeht, mehr Menschen sind gekommen. Ein Mann tauscht seinen Lungi gegen eine Hose, er macht sich schick fürs Festland. Anderthalb Stunden vergehen, wir essen die Kekse, die die NGOs hier jeden Tag an die Schulkinder verteilen. Lockmittel für hohe Anwesenheitsraten. Shopna apa hat die Kekse einem schönen, zerzausten Mädchen abgeknöpft. Nach zwei Stunden kommt endlich das Boot. Alte, Junge, Babys, Tiere, Gras und ein Sack Chilischoten fahren langsam über den Teesta, die Sonne prallt immer noch vom wolkenlosen Himmel, obwohl sie mittleweile tief steht und ich begreife, was abgelegen wohnen wirklich bedeutet. Ein Leben lang auf Boote warten.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Gerdi und Thomas (Sonntag, 21 Juni 2015 15:07)

    Super, die Geschichte und die Bilder. Und Du auch unter Deinem Schirm.

  • #2

    Frank & Tanja (Freitag, 17 Juli 2015 20:51)

    Sehr eindrucksvoll.....