Der Nachtbus fährt ab.

Wenn man einmal auf die Straße schaut, kann man den Blick nicht mehr von dem Spektakel des Verkehrs abwenden. Ich versuche trotzdem noch einmal die Augen zu zu machen.


Zwei Wochen bin ich weg aus Joypurhat, und ich will nach Hause, will die wenigen Wochen nutzen die mir noch bleiben. Die Hauptstadt Dhaka ist ein großes faszinierendes Monster, das mich in seinen nicht enden wollenden Staus festhält, wie eine Krake.


Nach einer Stunde im Bus auf der Mirpur Road, komme ich endlich in Kollaynpur an.

11:15 pm. zeigt meine Uhr, mein Lieblingssbus nch Joypurhat ist abgefahren. Am Busterminal von Kollaynpur reihen sich die Schalter der zahlreichen privaten Busunternehmen aneinander, ockerfarben gestrichene Räume mit Sitzbänke von ausrangierten Fähren.

Hinter einem Holztresen blickt mir ein dicker Mann mit Stoppelbart entgegen, diesselben Augenringe wie ich. Seine Busfirma, ist klein, das Ticket kostet 50 Taka weniger als normal, aber er hat noch einen Platz frei. „Bitte neben einer Frau!“, verlange ich.  Das ist mir nach einem Jahr in Bangladesch wichtig geworden.


Ich will einfach nur so schnell wie möglich in den Bus und schlafen. Dem Bus merkt man an, warum er billiger ist. Enge Sitze und mein Rucksack ist zu dick für die Gepäckablage. Ich bin mit Abstand der Passagier mit dem meisten Gepäck. Ich protestiere als der Busbegleiter einen Mann neben mich setzen will, also wird umher getauscht und schließlich landet ein schwarzer Stoffberg neben mir. Klappe auf, und ich sehe freundliches, müdes Augenpaar unter dem Hijab, das mir zulächelt.


Ich esse meinen Chipsproviant und klemme die Beine in eine bequeme Position. Schlafen ist schwer, denn der Bus, bis auf die letzte Reihe gefüllt, verlässt gerade die Hauptstadt und wagt gefährliche Überholmanöver, die manchmal abpruptes Bremsen erfordern. Wenn man einmal auf die Straße schaut, kann man den Blick nicht mehr von dem Spektakel des Verkehrs abwenden. Ich versuche trotzdem noch einmal die Augen zu zu machen.


Nach 4 Stunden erreichen wir das Food Village, der einzigen und obligatorischen Pause in der Busfahrt. Das Foodvillage ist eine Raststätte, fast nur für Buspassagiere, weil die Zahl der Autos außerhalb Dhakas verschwindend gering ist. Es gibt das typische bengalische Essen, Eis, Snacks, kostenlose und saubere Toiletten und viel Gewusel. Die Frau neben mir passt auf mich auf, nimmt mich mit in den Waschraum und leitet mich wieder zum Bus.

Plötzlich ruft jemand in der schlaftrunkenen Menge meinen Namen. Paul, mein Mitfreiwilliger ist durch einen glücklichen Zufall zur selben Zeit im Food Village angekommen und wir fallen uns in die Arme. Aber mein Bus hupt, wird abfahren, die verschleierte Frau zieht mich weiter.


Als wir wieder nebeneinander im Bus sitzen, erzählt sie mir ihre Geschichte. Ihr Name ist Deljahan und sie lebt in Dhaka in Mohammadpur, im armen Süden des Stadtteils.  Mit dem Nachtbus fährt sie in ihr Heimatdorf bei Hili, an der indischen Grenze. Ihr Bruder hat sie angerufen und ihr gesagt, dass die Mutter sehr krank geworden ist. Sie isst nichts mehr und trinkt nichts mehr, sie ist schon sehr alt, wohl auch krank.

Nun will Deljahan so bald wie möglich bei ihr sein, sie hat sich Urlaub genommen von ihrem Job als Krankenschwester. Ihrem Gesicht sieht man die große Sorge an. Sie erzählt, dass sie beim Tod ihres Vaters zu spät kam, sie konnte nicht rechtzeitig frei bekommen. Damals arbeitete sie noch in einer Textilfabrik und wurde besser bezahlt. Ihre Finger schlafen ständig ein, deswegen konnte sie nicht mehr die Nähmaschine bedienen. In ihrem neuen Job verdient sie nur noch 5500 Taka im Monat, ungefähr 65 €.

Über ihren Ehemann sagt sie nichts, aber von ihren Kinder will sie erzählen. Ihr Sohn ist 15, er arbeitet bei einer Transportfirma und schleppt Sachen. Die körperlich schwere Arbeit will er nicht mehr machen, er hat seine Mutter gebeten, ihm einen neuen Job zu verschaffen. Darüber denkt sie im Moment nach. Ihr Junge ist nur bis zur 5. Klasse in die Schule gegangen, obwohl sie ihn gerne in der Highschool gesehen hätte. „Aber ist nun mal ein Streuner, was soll ich da machen.“ Ihre Tochter hat sie verheiratet, das Mädchen wohnt jetzt in Tongi am Rand von Dhaka. Sie hat die Tochter angerufen und ihr von der Krankheit der Großmutter erzählt. Deljahan hofft, dass sie so schnell wie möglich auch in das Heimatdorf reist und ihre kleine Enkeltochter mitbringt. Das wäre ein Lichtblick.


Hinter den Busfenstern wird es ebenfalls langsam hell, als unser Gespräch verstummt und ich endlich in einen unbequemen Halbschlaf falle. In Joypuhat weckt mich Deljahan und der ruckelnde Bus spuckt mich auf die Straße. Noch eine 10 Taka Rikshafahrt, dann bin ich an meinem Haus angelangt. Dulal sitzt auf den Stufen vor der Tür und wartet schon auf mich.

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