Krankengejammer


Mit dem Aufwachen ist mein Leben plötzlich schwer geworden. Ich habe Bindehautentzündung bekommen und krieg mein Auge nur unter Schmerzen auf. Ich bin erkältet. Mein Kopf pocht. Ich bin krank. Ich melde mich morgens im Office krank und rufe meine Kollegin auf dem Field an um den geplanten Schulbesuch abzusagen. Ich tue mir ein bisschen Zwang an und träufle Augentropfen in das rote, geschwollene Ding unter meiner Braue.


Dann endlich schließe ich meine Tür, Riegel zu, und sinke unter mein Mückennetz. Es ist brutal heiß, trotz oder wegen des geöffneten Fensterns, und ich dämmere weg in der Morgenglut.


Um halb 10 hämmert es gegen meine Tür, mein Zimmer liegt genau im Office, das erweist sich als fatal. Meine Kollegin Shefali will mich sehen. Sofort. „Nein“ , rufe ich, „ich bin krank. Ich muss schlafen!“ Das lässt sie anscheinend nicht gelten, das Klopfen geht weiter. Also raffele ich mich auf, erscheine, demonstriere meinen desolaten Zustand und darf mich wieder hinlegen.  Meine Chefin Kerina ist rücksichtsvoller und kommandiert mich nicht hinaus.


Dann hält die Ruhe an bis zum Mittag. Heute veranstaltet der Hausmeister und Nachtwächter Otul ein großes Essen für alle Mitarbeiter, weil er seine Tochter verheiratet hat. Im Gegenzug sammelt das Office Geld und kauft ein großes Geschirrservice und warme Decken. Genu vor meiner Tür ist der Versammlungsraum, in dem jetzt das Essen aufgetischt wird und viele Leute versammelt sind. Immer wieder wird nach mir gerufen. Ich stelle mich taub.

Das wird schwerer als nach dem Essen, die süßen Töchter meiner Kolleginnen, die ich sehr gerne mag, einen Großangriff auf meine Tür starten. Geklopfe und Gehämmer. „Emilia Auntie, komm ein bisschen raus!“ und immer quietschender „Auntie, Auntie, AUNTIEEE!“ . Ich rufe „ Ich bin krank, ich kann heute nicht spielen. Ich komm an einem anderen Tag.“ Von draußen kommt Tuscheln, Lachen, oh sie ist krank.  Dann geht das Hämmern und Ruckeln weiter. Die kleine Priya fängt an zu weinen.  Ich bleibe hart und frage mich, warum es so schwer ist mein Ruhebedürfnis als Kranke zu respektieren.


Ich habe schon vorher gemerkt , dass Privatsphäre in Bangladesh kaum existiert in meinem deutschen Verständnis. Ich habe mich schon oft unwohl gefühlt im Zimmer fremder Leute, die gerade in wirklich großen Schmerzen lagen, ein Baby geboren oder ihr Kind verloren haben. In solchen Momenten gibt mir meine deutsche Kultur einen Sicherheitsabstand vor, ich will niemanden zu nahe treten, ihn stören. In Bangladesch ist das anders und Situationen, die das zu Tage bringen, lösen auch nach 10 Monaten noch Kulturschocks bei mir aus.

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Kommentare: 2
  • #1

    Mathias (Montag, 06 Juli 2015 20:15)

    Privatsphäre ist nach Zuckerberg ja ohnehin ein überholtes Konzept. ;-) Im Ernst: danke für auch solche Einblicke in diese andere Welt. Alltagssituationen wie diese bleiben vielleicht noch länger hängen als "globalere" Informationen. Ich hoffe und wünsche dir jedenfalls sehr, dass du mittlerweile und vollständig genesen bist!

  • #2

    Frank & Tanja (Freitag, 17 Juli 2015 22:29)

    Die Form der Rücksichtsnahme, die wir als Deutsche kennen, wird dort wohl nicht gelebt. Alle Achtung, dass Du dies so akzeptieren konntest...