Schulbesuch in Shennagor

Heute besuchen wir die 5. Klasse der kleinen Schule in Shennagor, einem sehr weit abgelegenen Dorf, dass in der nur Regenzeit schwer erreichbar ist.

Schon bevor wir in das Lehmschulhaus eintreten, schallt uns der Englischunterricht entgegen. "E! A! R!", ruft die Lehrerin laut. "E! A! R!", wiederholen die Kinder noch lauter im Chor. "L! Y! EARLY!" "EARLY  HEISST FRÜH!" schreien sie alle zusammen und dann das ganze Lied noch mal von vorne. Dabei wiegen einige Kinder den Oberkörper  im Takt. Nach drei Wiederholungen von EARLY, geht die Lehrerin weiter zu HAPPY, SPRING und SMELL (essmall). Das nennt man Vokabeln lernen, oder word meaning. Traurigerweise ist dieses Geschrei eines der wenigen Male, dass ich interaktiven Englischunterricht beobachtet habe und ich bewundere die Lehrerin dafür.

Ich kenne den Text, den die Kinder gerade lesen gut, er handelt von dem Mädchen Maria, das den Frühling nicht sehen, aber dafür riechen kann. Warum? She is visually impaired, steht im Lehrbuch der 5. Klasse für Schüler, die Schwierigkeiten haben ihre Schulfächer auf Englisch aufzuzählen. Politisch korrekt. Ich bin gespannt, wie sich visually impaired schreiend buchstabiert anhört.


Als die Englischstunde vorbei ist, haben die Kinder Zeit mit mir zu reden und mich auszufragen. Wir schauen uns auf der Weltkarte die sieben Kontinente, Bangladesch und Deutschland an und betrachten die Fotos, die ich mitgebacht habe. Einen Schneemann und  schlittenfahrenden Kinder haben die Fünftklässler von Shennagor vorher noch nie gesehen. Sie sind ein Stück einer fremden Welt in der Kinder wie sie andere Spiele spielen, Sprachen sprechen und in anderen Häusern wohnen.

Einiger Schüler träumen davon, diese fremden Länder zu besuchen, die Menschen in Winterklamotten und die Schneemänner in echt zu sehen und die anderen Sprachen zu lernen. Sie fragen mich: "Wie kann ich dort hinkommen?" Das weiß ich auch nicht, denn schon allein das Visa ist unglaublich teuer und man muss sich dafür in den Offices und Behörden der Haupstadt zurecht finden. "Du bist doch auch zu uns gekommen, nimm uns mit, wenn du zurückfliegst." Ich weiß nicht, was ich sagen soll, meine ganze Privilegiertheit liegt vor den Kindern ausgebreitet und ich schäme mich dafür. Von klein an lernen sie, dass weiße Menschen aus Europa mit dem Auto oder Motorrad angefahren kommen um sie kurz anzusehen. Diese weißen Menschen haben viel Geld, sie reisen wohin sie wollen, sie essen im Restaurant  und zeigen Fotos von hübschen, großen Häusern.

Ihre Eltern, Geschwister und sie selbst werden nie so leben, dass ist nicht vorgesehen in der Weltordung. Sie können eine provisorische Grundschule von BMZ-Geld bezahlt, einen Schulranzen von Worldvision oder Kekse von USAid erwarten, aber keine gleichen Chancen wie die Kinder in Deutschland.


 Während die Lehrerin draußen mit ihren Vorgesetzten über Anwesenheitsraten und Nachhilfepläne berät, beschließen die Kinder mir ein kleines Programm vorzuführen. Selbständig beraten sie sich und sagen an: "Schülerinnen und Schüler, wir singen jetzt ein Volklied. Das Lied heißt bangladesher gaan."

Ich freue mich sehr über ihre guten Ideen und fröhlichen Gesichter. Die Kinder von Shennagor sind wirklich  groß geworden.



Die Lehrerin will mir am Ende des Besuchs ein Geschenk mitgeben und bietet mir eine Kathal von ihrem eigenen Baum an, die sehr hoch ist und voller unförmiger Früchte hängt.

Sie fragt in ihre Klasse: "Wer will die Kathal vom Baum holen?" und sofort flitzt ein Schüler los. Ehe ich richtig gucken kann, hat er seine Plastiksandalen ordentlich unter dem Baum abgestellt und beginnt den glatten Stamm. der gar keinen Halt oder Trittstellen bietet hinauf zu klettern. Mich beeindruckt es ohne Ende, wie schnell der schmale Junge nach oben kommt, nur durch seine eigene Kraft und sein Geschick.



Bei den ersten Kathals auf halber Höhe macht er halt und befühlt sie. "Noch zu unreif!" ruft er herab und ist flux noch 4 Meter weiter hoch in das Geäst des Baumes geklettert. Er bewegt sich sicher in der Baumkrone, sieht kein bisschen ängstlich aus, und auch am Boden scheine ich die einzige zu sein, die diese Aktion risikoreich und sehr außergewohnlich findet. Ich muss ein bisschen an all die Geschichten denken, die ich in den letzten zwei Monaten seit die Früchte reif geworden sind, gehört habe. Ich weiß von sechs Schülern unserer Grundschulen, mit gebrochenen Armen, Beinen oder einbandagierten Rücken, die vom Baum gefallen sind.



Die Klassenkameraden schauen gespannt nach oben und der Ehemann der Lehrerin bringt ein Seil und ein geschwungenes Messer, wie es zum Reisschneiden benutzt wird. Der Junge im Baum hat inzwischen eine gute Kathalfrucht gefunden und fängt mit einer Hand das Seil auf und zieht daran das Messer nach oben. Nach dem er die Kathals gut festgebunden hat, sichert er das Seil am Stamm des Baumes. Dann beginnt er mit dem Messer zwei große, gelbgrüne Früchte abzusägen. Sie wiegen zusammen mindestens 10 Kilo. Ich bewundere, wie der Junge sie langam und sicher nach unten abseilt, wo der Ehemann der Lehrerin sie empfängt und eine von ihnen an Kerinas Motorrad befestigt.



Der Junge, der seine Arbeit erledigt hat, ist unterdessen noch viel weiter im Baum hochgeklettert, er traut sich immer höher und höher, bis seine Lehrerin ihn ruft. Der Unterricht geht weiter und wir steigen auf das Motorrad und schieben uns durch den Matschweg, in den sich die unbestigte Straße verwandelt hat, nach Hause.


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Gerdi und Thomas (Samstag, 04 Juli 2015 15:06)

    Man soll wirklich niemals NIE sagen, und keine "Weltordnung" blieb bisher ewig ohne Veränderungen. Du hast den wissbegierigen Mädchen und Jungen hoffentlich gesagt, dass nicht alle Weißen unendlich Geld haben und Motorräder und Autos und Häuser und überallhin reisen können?

  • #2

    Emilia (Montag, 06 Juli 2015 20:44)

    Alles eine Sache der Perspektive, und nach Bangladesch aufs Dorf kommt nun mal nur eine ausgewählte Art von Weißen zu Besuch.