31. Mai


Mittagessen in der neuen Officekantine. Es gibt Reis, Spinat, scharfen Kartoffelbrei und Dal, eine Art Linsensoße, die ich als Suppe so esse. Oder besser gesagt trinke. Ich habe den Dal in ein Glas gefüllt, wie ich es bei den Lehrerinnen gesehen habe.

Meine Kollegin schlürft den Dal aus dem Teller. Ich sage, dass meine Mutter mir das nicht erlaubt hätte. Meine Kollegin lacht und sagt: "Meine Mutter wäre empört, wenn ich den Dal aus einem Glas trinken würde."



30. Mai


Wir warten ab bis der Regen vorbei ist, der seit der Nacht unaufhörlich fällt und alles durchtränkt. Dann steigen meine Kollegin Shefali, ihre Tochter Rupa und ich auf das Motorrad eines Verwandten, der uns die 8 Kilometer bis zum Bus fahren wird. Vier erwachsene Menschen auf einem Motorrad, das habe ich bis dahin nur vom Straßenrand aus staunend gesehen. Aber jetzt kann ich aus eigener Erfahrung sagen, es geht gut, es ist sogar ganz gemütlich, obwohl keiner von uns schmal gebaut ist.  Der Fahrer ist ganz weit vor gerutscht, auf dem Motorrad und ich bewundere wie er uns um Ziegen und Hühner herum die Sandstraße lang chauffiert.


29. Mai


Ich bin zu Besuch bei meiner Kollegin Shefali im Haus ihrer riesigen Familie. Ich bin von Anfang an nicht mit gekommen, wer wessen Schwester, Tante, Cousine, Schwägerin ist, es sind einfach zu viele Menschen, die kommen und gehen und mich anschauen. Abends sitze ich am Kochfeuer mit zwei von den jüngeren Frauen, die ungefähr in meinem Alter sind, aber schon verheiratet. Sie tragen Saris, die weißen Armreifen und rotes Sidur im Scheitel. Auf ihrem Handy zeigt mir die eine Fotos von ihrem Ehemann.

Die Ehemänner der beiden arbeiten beide in einer anderen Stadt für Grameennphone und ihr Kommen wird gespannt erwartet. Endlich ist es soweit, der Mann aus den Handyfotos kommt auf den Hof und begrüßt herzlich die essenden Männer. Nach dem vielen Hallo kommt er auch zu uns ans Feuer und streckt mir die Hand hin, was alle zum Lachen bringt. Seiner Frau wirft er kaum einen Blick zu und auch sie bleibt gleichmütig sitzen, sagt nichts. Ich bin verblüfft. Ich hätte nie erraten können, dass die beiden verheiratet sind, so unsichtbar bleibt ihre Beziehung zueinander.  Shefali sagt, dass ist bengalische Kultur.


28. Mai


Heute morgen habe ich mit meinen Kollegen in einem kleinen Restaurant, vorne an der Straße gegessen. Als wir zurück zum Office kommen, warten schon einige Nachbarsfrauen, die mir die üblichen Fragen stellen wollen. Dazu kommt dann noch eine junge Frau, die einmal sehr schön gewesen sein muss. Jetzt sieht man ihrem Gesicht an, dass sie in ihrem Leben schreckliches gesehen und erlebt haben muss. Sie spricht sehr viel und lässt sich nicht unterbrechen, von ihrem Ehemann, der ihr die Haare abgeschnitten hat, von ihrem Studium in Rajshahi, von ihrer Mutter und Schwester, die sie liebt, ihren Narben. Sie singt mir vor, ein muslimisches Lied und dann ohne Übergang „I love you, darling!“, wobei sie mir die Hände entgegenstreckt. Sie will meine Haare anfassen und zeigt mir ihr böses Bein, was ganz angeschwollen ist. Die anderen Leute schütteln den Kopf, diese Frau ist offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf. Ich bin sehr berührt von ihr. Ich habe das Gefühl, dass sie einmal sehr klug und gebildetwar, das merke ich an den Wörtern, die sie verwendet. Aber dann muss ihr etwas Schlimmes wiederfahren sein.


27. Mai


Mit dem Motorrad fahren Kerina und ich zu weitentfernten Schulen. Der Regen hat den unbefestigten Weg aufgeweicht und zu einer Schlammgrube gemacht. Mutig fährt Kerina trotzdem weiter, bis die Räder durchdrehen, wir stecken bleiben und mit der schweren Maschine zusammen in den Matsch fallen. Eine Schar kleine Kinder, die von ein paar halbwüchsigen Jungs betreut auf dem Dorfplatz spielt, bricht in lautes Gelächter aus. Wir lachen mit. Aber alleine können wir das Motorrad nicht aus em Schlamm ziehen. Zum Glück ist man nie allein in Bangladesch und schnell kommt ein starker Mann und hilft uns wortlos.


26. Mai

Ein typischer Besuch bei einer Familie zuhause, diemal den ehemaligen Nachbarn meiner Kollegin Shefali.

Wir werden in das feinste Zimmer gebeten, in dass sogar eine Sitzgarnitur neben das breite Bett gequetscht wurde. Wir sitzen auf den bestickten Kissen und die Gastgeberin, eine beleibte Frau im bunten Sari, das Haar glänzend schwarz, ist in der Küche verschwunden. Bald darauf serviert uns ihre hübsche Schwiegertochter in meinem Alter auf einem Tablett Snacks. Snacks das sind fast immer lauter Leckereien auf kleinen Tellern, Kekse, Kuchen, Bananen, Süßigkeiten, scharfe Nüsse und eingelegtes, gewürztes Obst Ajar.

Während wir all das höflichkeitshalber aufessen, haben die Gastgeber Zeit alles in Erfahrung zu bringen. Meine Familie, Ausbildung, was ich esse und am wichtigsten wann ich heirate.


Viele Nachbarn kommen um zu schauen, alle sind irgendwie verwandt. Doch das beginnt der kleinen Tochter des Hauses zu viel zu werden. Sie ist ein aufgewecktes dreijähriges Mädchen, das ausgelassen lacht und scherzt. Aber jetzt wird sie böse, sie rennt auf die neu hereinströmenden Frauen zu und ruft: „ Geht, geht, los raus! Das ist unser Zimmer.“


25. Mai


Zweiter Tag ohne Elektrizität, die Wasserleitungen sind jetzt auch tot. Es ist spannend zu sehen, was der Stromausfall mit den Leuten hier macht, wie schwierig es ist ohne Strom zurechtzukommen, wenn man sich einmal an ihn gewöhnt hat. Dabei gibt es hier viele Dörfer, die noch nie Strom hatten. Viele meiner Kollegen sind ohne Elektrizität aufgewachsen. Trotzdem halten sie die Hitze nicht aus, können nicht schlafen ohne Ventilator, ihre Handys nicht aufladen und damit entstehen hundert neue Probleme. Der elektrische Reiskocher funktioniert nicht mehr, zum Glück haben die meisten auch noch den Feuerherd. Sonst gibt es nur Bananen und Kekse zu essen, so wie bei meiner Chefin Kerina.


24. Mai


Heute Nacht hat es wieder einen kleinen Weltuntergang gegeben. Schon den ganzen Abend lang habe ich von meinem Krankenbett aus die lautlosen Blitze über den Himmel zucken sehen. Es war unglaublich heiß, auch der Deckenventilator hat kaum Kühlung gebracht. Dann gegen eins in der Nacht brachen die Sturmattacken los, immer nur kurz, wenige Minuten lang , aber so heftig, mit so lautem Donnerknallen, wie noch nie. Leute schrien und riefen in der Nacht. Die Nightguards sammelten die herabgefallenen Mangos auf, die auch unreif köstlich sind. Als ich früh am Morgen aufwachte, waren die Bäume vor meinem Fenster nur noch halb so prächtig. Der Boden lag voller abgebrochener Äste und Blätter. Schon waren Menschen dabei das Brennholz wegzuziehen, die dicken Holzstücken klein zu hacken. Der Morgen war erfüllt von Schleifgeräuschen und Äxten. Der Strom, der schon durch die Blitze gekappt wurde,  ist bis jetzt nicht wiedergekommen. Dafür ist es heute kalt und das Office unter uns hat einen Generator, die kopfschmerzerregend beständig brummt und Dieselgeruch im Haus verbreitet.


23. Mai


Mir geht es nicht gut. Ich bin erkältet, meine Auge tränt und ist rot, ich habe keinen Appetit. Die Köchin Phulmone sieht mich besorgt an. Dann erklärt sie mir, dass das von all dem verschiedenen Wasser kommt, dass ich in der Woche umherreisen getrunken habe. Daran kann sich mein Körper nicht so schnell gewöhnen und deshalb bin ich krank geworden. „Trink lieber aus Flaschen, wenn du unterwegs bist!“, ermahnt sie mich.


22. Mai


An einem Teestand vor dem 300 Jahre altem Hindutempel in Dinajpur. Ein Gespräch entspinnt sich, kein ungewöhnliches. Ein Student will  unbedingt mit uns reden, er hat ja sonst keine Möglichkeit sein Englisch anzuwenden, erklärt er. Also reden wir, das typische. Name, Alter, Geschwister, Land, wie gefällt dir Bangladesch? Dann, vorhersehbar, was machst du hier? Einen Volunteerservice. Die meisten Bengalen auf dem Land wissen nicht was das ist, trotzdem verwende ich das Wort immer wieder. Ich mache mich schon darauf gefasst mehr zu erklären, aber nicht nötig. Der Student nickt begeistert und sagt, dass er nach dem Studium auch am liebsten einen Freiwiligendienst machen würde. Im Sudan oder im Tschad. Afrika eben, um den Menschen zu helfen. Ich staune.


21. Mai

 

Wieder im Bus. Ich bin so müde. Ein Bettler steigt ein und geht durch die vollbesetzten Reihen, wie das in Bangladesch üblich ist. Er sieht ganz typisch aus. Ein alter, magerer Mann mit braungegerbter Haut der einen langen weißen Panjabi trägt und eine zerfledderte Gebetskappe. Er murmelt in arabisch-bengalischen Sing Sang vor sich hin, leise nängert fast während er in Allahs Namen um Hilfe bittet. Das Bild habe ich schon oft gesehen und irgendwie habe ich mir nie überlegt, dass diese Bettler auch anders reden können. 

Doch plötzlich wechselt der alte Mann in den Jargon der Busbegleiter über. Mit lauter kräftiger Stimme ruft er in den Bus hinein: „ Kaunia, Kaunia, aussteigen, kommen sie nach vorne, Kaunia, Kaunia.“ Ich erschrecke mich zu Tode.


20. Mai


Quirin und ich machen einen Ausflug zum Teesta River, einem der drei größten bengalischen Ströme, der aber jetzt vor Beginn der Regenzeit noch teilweise ausgetrocknet ist. Mit ganzer Montur (anders ist das in Bangladesch nicht möglich) gehe ich schwimmen. Wasserpflanzen treiben mit dem Strom in dem trüben, hüfttiefem Wasser des Flusses. Eine große Jungsgruppe kommt neugierig näher. Sie spielen und raufen und immer wieder taucht einer unter und paddelt kopfüber, so dass nur ein kleiner Lungiverpackter Popo aus dem Wasser schaut. Die Jungs zeigen uns Flaschen, die sie an ihre Hüften gebunden haben und die voll mit kleinen, silbernen Fischen sind. Sie fangen die Fische im schlickigen Grund des Flusses und stecken sie durch einem Schlitz im Plastik in die Flasche. Später wird ihre Mutter die Beute mit Gemüse zu einer leckeren Reisbeilagen kochen.


19. Mai


Mit dem Bus will ich in aller Herrgottsfrühe nach Ulipur fahren. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden und habe dem Autodriver den unverschämten Preis gezahlt, den er für die Strecke zum Busbahnhof haben wollte, keinen Nerv zum Handeln. Es ist noch diesig und die meisten Geschäfte haben zu, die Straße wacht gerade auf. Neben dem Bus Stand ist ein kleines Restaurant, in dem ein 14 jähriger Junge schon Feuer gemacht hat und nun Zwiebeln, Chili und Knoblauch in einem großen Topf anbrät. Seine Mutter wischt die grün gestrichenen Holztische und Bänke ab. Das Hotel sieht wirklich freundlich aus, denn die Fenster haben Gardinen und die Wellblechwände sind von innen Blau gestrichen. Schließlich kommt noch einen uralte Frau in das gesschäftige Eröffnen des Familienrestaurants. Sie trägt eine dicke runde Brille und setzt sich auf einen Stuhl in die ersten Sonnenstrahlen.


18. Mai


In Rangpur besuchen Maike und ich unseren Freiwilligenkollegen Paul, der allerdings fiebert und sich nicht aus seinem Bett erheben kann. Also schauen wir alleine die Stadt an. Kurz nach seinem Wohnhaus läuft ein Ochse immer im Kreis, ein Holzbrett am Rücken und darauf ein Mann, der die Peitsche schwingt. Der Ochse dreht eine Mühle an, die aus Senfkörnern das Öl presst, das in der bengalischen Küche so wichtig ist.


17. Mai


Heute esse ich Frühstück auf dem Balkon meines Büros. Es ist noch angenehm kühl und ein leichter Wind, batash, weht mir ins Gesicht. Unter mir fahren mit schellendem Klingeln Fahrräder vorbei, die Frösche quaken im regengefüllten Teich, die Vögel zwitschern von der Palme herab. Es ist einfach schön, genau das eine Wort, mit dem mir Joypurhat beschrieben wurde, bevor ich nach Bangladesch kam und vor Neugier platzte und was mir damals nicht genug war.


16. Mai


Meine Freundin Maike, eine andere Freiwillige, ist zu Besuch in Joypurhat. Wir gehen zum Frühstück in Azad Hotel, eines der besten lokalen Restaurants, um Ruti, Ei und Dal zu essen. Maike bestellt noch eine Porota (in Fett gebackener Fladen), bei dem sehr eifrigen Chefkellner. Für uns Deutsche ist es schwer, das bengalische r richtig zu rollen und der Kellner versteht nicht, was wir wollen. Schließlich steht Maike auf und zeigt die porota. Dadurch entbrennt eine lautstarke Diskussion im Hotel. Der Chefkellner fühlt sich in seiner Berufsehre verletzt und verteidigt sich, dass er das Ausländerbangla beim besten Willen nicht verstehen kann. Von nun an bedient uns ein Junge in meinem Alter mit feschem Harrschnitt und ohne Verständnisprobleme.


15. Mai


Wir schlafen bei einem reichen Freund in seiner Ranch bei Bogra. Seiner Familie gehört viel Land und sie haben ein richtiges, kleines Anwesen neben einem  Dorf aus Wellblech- und Steinhäusern. Der reiche Freund hat sich gegen die glänzende Großstadt Dhaka und gegen einen einträglichen Job im Ausland entschieden, um seine Tage in dem verlassenen Landhaus seiner Großeltern zu verbringen. Er wohnt alleine mit drei jungen Männern aus dem Dorf, die er wahlweise als Cousins oder Kindheitsfreunde bezeichnet. (Er ist mit 5 aufs Internat nach Indien geschickt wurden und 20 Jahre nicht heimgekommen.) Die Jungs kaufen ein, kochen, machen sauber, organisieren und können dafür ein bisschen teilhaben an dem Luxusleben.

Das Haus ist teilweise über 100 Jahre alt und angefüllt mit Kitsch, Kunst und Überresten aus all den Jahren. Ich finde sogar einen Schaukelstuhl.

Ich bin morgens wach und viertel vor fünf schlüpfe ich aus dem Haus, um mich noch einmal an den nahen Fluss zu setzen. Ich habe nicht erwartet, auf meinem Spaziergang so vielen Menschen zu begegnen. Sie führen die Ziege aus, waschen Wäsche, holen Holz herein oder nehmen ihr Morgenbad am Fluss. Alles liegt unter einem freundlichen Morgendunst.


14. Mai


Bodrul bhai, der Manager vom Livelihood Team nimmt mich ein Stück auf dem Motorrad mit. Ich will rittlings hinter ihm aufssteigen, so wie ich das bei Kerina, meiner Chefin, gewöhnt bin.

Nein, erklärt mir Bodrul bhai freundlich, so geht das nicht. Damensitz bitte.


13. Mai

Der Bus nach Panchbibi ist brechend voll, mehr Menschen können sich wirklich nicht mehr in den Gang quetschen. Der Mann hinter mir ist ein Gentleman und tut sein bestes, um im Gedränge zumindest einen kleinen Abstand zwischen unseren Körpern zu wahren. Ich bin ihm dafür sehr dankbar.

Vorne sitzen die Frauen und die Kinder in einem festgepackten Bündel um den Busfahrer herum. Die Mütter haben ihre Kinder fürsorglich auf ihren Schoß genommen und schirmen sie mit Händen und Saris ab. Ich beobachte, wie ein vielleicht zweijähriger Junge von seiner Mutter eine Tüte Erdnüsse gekauft bekommt. Sorgfältig öffnet er das Papier, nimmt eine Nuss und schließt die Tüte ordnugsgemäß wieder. Ich bin beeindruckt von dem bedachten Kleinkind, dassjetzt geschickt die Nuss knackt, sich in den Mund steckt und die Schalen auf den Boden wirft.



12. Mai


Ich gehe die Hauptstraße von Joypurhat entlang, ich bin etwas im Stress, denn das Postamt macht gleich zu. Da sehe ich an einer Ecke auf einer Stufe eine alte, grauhaarige Frau sitzen. Nicht nur ihr Gesicht ist von tiefen Furchen gegerbt, ihre ganze Statue scheint faltig und von der Zeit gebückt. Sie spielt mit einem Plastikmaus an einer Schlauch. Wenn man auf das Ende des Schlauchs drückt springt die Maus und quietscht. Die alte Dame, in weichem, bunten Saril , quietscht ebenfalls leise und springt mit den Augen mit.


11. Mai

Ich bin so müde nach dem langen Arbeitstag, dass ich mich von 6 bis 7 Uhr am Abend in mein Zimmer zurückziehe. Ich will ein bisschen schlafen, ein bisschen meine Nachrichten lesen, ein bisschen für mich sein. Von dem geöffneten Fenster her weht frische Luft in mein Zimmer und auch die Schreie der Nachbarskinder. "Emilia apu, komm runter, Emilia apu wir wollen mit dir reden." Ich war doch gestern schon bei ihnen zu Hause. (Was auch wirklich sehr nett war.) Für heute schiebe ich alle Schuldgefühle von mir und stelle mich taub. Ich mag die Kinder, aber ich habe auch das Recht auf eine Stunde allein.


10. Mai


Gerade finden unsere Lehrertrainings statt und ich arbeite nicht in meinem Büro, sondern im Trainingscenter, wo auch alle Lehrer schlafen. Ich schreibe gerade an einem Artikel, als mich Kiroda, die Köchin und Putzfrau des Trainingscenters zu sich ruft. Ich unterbreche also meine Arbeit und Kiroda weißt mich an in die Toilette zu schauen. Ich verstehe nicht ganz, was sie will. Zuerst vermute ich, dass sie micht auf das Sitzklo aufmerksam machen will, das ist immerhin ein besonderer Luxus. Auf ihr drängen schaue ich dann doch in die Toilette hinein und muss mir schnell die Nase zuhalten. Die empörte Kiroda wollte mir zeigen, dass eine der unordentlichen Lehrerinnen nicht gespült hat.  Ich spüle schnell und Kiroda ist ein bisschen sauer, weil ich die Beweise vernichtet habe, die ihre Wut rechtfertigen.


9. Mai


Es ist abends und ich fahre von meinem Zimmer zum Trainingcenter, wo ich mit Lehrern zusammen essen will. Die kurze Fahrt mit dem Elektroauto kostet 5 Taka, aber als ich aussteige, will mir der Fahrer kein Rückgeld für den 10 Takaschein geben. Die Rikshafahrer an der Teebude am Straßenrand kennen mich. Sie merken sofort, dass etwas falsch läuft und kommen mir zu Hilfe. Mit ausladenden Gesten diskutieren sie mit dem Autofahrer und weisen ihn zurecht. Am Ende bekomme ich meine 5 Taka Wechselgeld und fühle mich gut behütet.


8. Mai


Ich sitze alleine auf der Riksha und fange die Gesprächsfetzen auf der Straße ringsumher auf. Im Vorbeifahren verstehe ich nur wenig.

"Hey, Rakib, warte!"

"Der Fischpreis ...." verschwindet im Gemurmel.

"Bideshi, bideshi!"

"My daughter, my daughter", von einem alten Mann auf Englisch.

"Joy Bangla - Sieg Bangladesch! ", von der überholenden Riksha

"Ich gehe für ein paar Tage nach Bogra, in das Haus meiner Oma."

"Hey, how are you? I´m fine, thank you." in Eile hinterhergerufen.

"Wohin willst du?"

"Nach Hause."


7. Mai


Ich stehe am Straßenrand und warte auf einen Freund, der mich hier abholen soll. In der Zeit, in der ich alleine da stehe und auf mein Handy schaue, nähert sich ein junger Mann. Er mustert mich und platzt sofort heraus: „ Woher kommen sie? Wissen sie, ich mag weiße Mädchen. Ich will ein weißes Mädchen heiraten. Geben Sie mir bitte Ihre Telefonnummer?“  Ich drehe mich weg und sehe aus dem Augenwinkel, wie sein Freund ihn schnell wegzieht. Solche Aktionen sind zum Glück den meisten Bangladeschis zu peinlich.


6. Mai


Der Gründer der NGO fährt in einem fetten Landrover vor. Er ist ein schmaler, älterer Mann, dass seine Machtposition genießt, ein Professor der Anthropologie an der Dhaka Universität.

Was er befiehlt, ist schon geschehen. Alle stehen stramm, unterwürfig liest man ihm jeden Wunsch von den Augen ab.

Der Professor hat die Angwohnheit sich sehr laut zu räuspern, zu husten und zu spucken. Die Reste am Mund wischt er mit einem zerknüllten Papiertaschentuch aus seiner Hosentasche ab. Ich hab mich auch in 8 Monaten in Bangladesch noch nicht ganz an dieses Benehmen gewöhnen können, das im Gegensatz zu Deutschland gar nicht tabu ist.


5. Mai


Die Temperaturen sind über 35° gestiegen und noch dazu fällt der Strom und damit auch der kühlende Ventilator immer wieder aus. Schweiß tropft im wahrsten Sinne des Wortes. Monjusree, eine Kollegin, die aus Dhaka gekommen ist, zeigt unserer Köchin Phulmone, wie sie den Handwedel benutzen soll. Nämlich so, dass nicht nur wir Luft abbekommen, sondern auch sie selbst. Eine großartige Geste, die mir gut tut. In der letzten Woche habe ich mich sehr darüber geärgert, wie in meinem Büro mit den niedriger gestellten Mitarbeitern umgegangen wird.


4. Mai

 

Alle Mitarbeiter meines Projektes sind zum monatlichen Planungsmeeting zusammengekommen. Wir sitzen in unserem neuen Office am großen Konferenztisch und besprechen das zunehmende Problem von Kinderehen in unseren Projekten.

 Plötzlich unterbrechen uns Worte aus dem Koran, ein alter Mann mit ganz dunkler, faltiger Haut ist ins Zimmer getreten. Er trägt einen verschlissenen, reich bestickten Panjabi und streckt die Hände aus, er bettelt.

 Stille tritt ein, meine Kollegen sind einen Moment lang verwirrt, dann schicken sie den Mann nach unten, zum Livelihoodprojekt.


3. Mai

 

Heute ist ein Feiertag, der Geburtstag von Buddha. In einem kleinen Adivasidorf in der Nähe von Joypurhat besuche ich den buddhistischen Tempel. Das ist eine Schule mit einem extra Raum in dem ein ktischig dekorierter Goldbuddha thront. Draußen sitzen die Bewohner der kleinen buddhistischen Siedlung gerade zusammen und essen Kitchuri, einen Eintopf aus Reis, Linsen und Gemüse, den der Tempel spendiert hat. Mir wird ein Stuhl gebracht und Kitchuri in einen Aluminiumteller serviert. Dann stellen sich die Dorfbewohner abwechselnd neben mich und fotografieren mit ihren Smartphones. Ein kleines Mädchen wird gebracht, dass mir sehr ähnlich sieht. Es hat helle Haut, blaue Augen und hellbraune Haare. „Geh zu deiner Mama!“, scherzen die Leute. Mir ist das ein bisschen unangenehm.


 2. Mai

 

Ich hab heute Nacht bei meiner Kollegin geschlafen. Um 5 Uhr morgens ist sie aufgestanden um Essen zu kochen. Das ist normal auf dem Dorf. Um 6 Uhr ist der Freund ihrer Tochter gekommen um mit Upoma und mir zu spielen und zu reden. Ich bewundere so viel Gastfreundschaft am Morgen.


1. Mai

 

Ich bin im Hindutempel und darf mitmachen bei den Gebeten, die im heiligen Monat boishakh jeden Abend ausgeführt werden. Es haben sich vielleicht 20 Frauen versammelt, die Mantras singen von Trommel und Schellen begleitet. Eine aus ihrer Mitte führt vor der Statue der Göttin Kali die uralten Handbewegungen mit Räucherpfännchen aus und leitet den Gesang. Als das Mantra zuende ist fangen alle Frauen an zu ... wie soll man sagen, ein bisschen wie Indianerheulen und eine weise, alte Dame bläst in die Muschel. Dann wird das gesegnete Essen, was in goldenen Schüsseln vor Kali stand ausgeteilt und ich werde aufgefordert ein Kirchenlied aus Deutschland zu singen. Ich mag die Offenheit der Hindus, die mich selbstverständlich zu ihrem Gebet einladen, mir keine Hostie verwehren wie die Katholiken, und für die Gott eine große Macht ist, zu der alle Menshcen in ihrer eigenen Art und Weise beten.


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